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Titelgrafik der md-Kolumne »wow – ways of working« von Martina Rahmfeld

Written by

Martina Rahmfeld

Last updated

August 1, 2026

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A few minutes

Neuroarchitektur

Wer ständig Reize abwehren und Unterbrechungen verkraften muss, kann sich schlechter konzentrieren. Was Neuroarchitektur für Büros bedeutet und warum Wohlbefinden und Leistung keine Gegensätze sind.

Was bedeutet Neuroarchitektur im Büro? Sie fragt, was ein Raum dem Gehirn zumutet. Wer ständig Reize abwehren und Unterbrechungen verkraften muss, kann sich schlechter konzentrieren, und ohne Konzentration entsteht keine Leistung. Ein gutes Büro schützt deshalb vor Dauerunterbrechung, lässt Menschen mitbestimmen und bietet Vielfalt statt endloser Schreibtischreihen.

Dieser Beitrag fasst meine Kolumne im md Magazin (Ausgabe Mai/Juni 2026, Seiten 10 und 11) zusammen und ordnet sie ein. Den vollständigen Text lesen Sie bei md: Kolumne bei md lesen

Die Kolumne im Heft: md 6/2026 (Mai/Juni), Seite 10
Kolumne als PDF herunterladen (md 6/2026)

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Was hat das Wort »Büro« mit Schutz zu tun?

Das Wort geht über das französische »bureau« auf ein grobes Tuch zurück, mit dem Schreibpulte bedeckt wurden. Es sollte die Arbeitsfläche schützen. Heute ist es das Wertvollste im Büro, das geschützt werden muss: das Potenzial der Menschen, die dort sitzen. Ein Raum, der vor visueller Überreizung und ständiger Unterbrechung schützt, ist deshalb kein Nice-to-have.

Warum arbeitet das Gehirn im Büro oft unter Stress?

Wir haben die Arbeit vom Ort entkoppelt: Tippen können wir überall, gut denken nicht. Wer in einem Open Space ständig visuelle und akustische Reize abwehren muss, arbeitet unter Dauerstress, und das kostet Konzentration.

Im hybriden Arbeiten verschärft sich das, weil viele Videokonferenzen und Telefonate im Raum stattfinden und andere dabei oft nur eine Seite des Gesprächs mitbekommen. Das stört besonders: In einem Experiment von Emberson und Kollegen (2010) lösten Versuchspersonen Konzentrationsaufgaben deutlich schlechter, wenn sie nur eine Hälfte eines Gesprächs hörten, als bei einem vollständigen Dialog. Das Gehirn kann einen schwer vorhersehbaren Reiz nicht ausblenden.

Wohlbefinden und Leistung sind deshalb kein Gegensatzpaar, sie bedingen einander.

Was kosten Unterbrechungen und Großraumbüros?

Zwei Befunde helfen bei der Einordnung, beide mit Einschränkung.

Erstens die Unterbrechungen: Gloria Mark (Universität Kalifornien, Irvine) beobachtete 36 Beschäftigte drei Tage lang. Unterbrochene Arbeit wurde im Schnitt nach gut 23 Minuten wieder aufgenommen, meist erst nach etwa zwei anderen Aufgaben. Das sind keine 23 Minuten bis zur »vollen kognitiven Tiefe«, sondern die Zeit bis zur Rückkehr zur unterbrochenen Arbeit. Es war eine kleine Beobachtungsstudie, die Daten sind rund 20 Jahre alt.

Zweitens die Krankheitstage: In einer dänischen Befragung von rund 2.400 Büroangestellten (Pejtersen und Kollegen, 2011) gaben Beschäftigte in Büros mit mehr als sechs Personen etwa 62 Prozent mehr Krankheitstage an als Beschäftigte in Einzelbüros. Das ist ein Zusammenhang aus Selbstauskünften, kein Beweis für Ursache und Wirkung.
Daraus folgt eine Rechnung, die in Immobilienentscheidungen oft fehlt: Wer zum Beispiel zehn Prozent Mietkosten spart und dafür mehr Unterbrechungen und Stress in Kauf nimmt, sollte beides gegeneinander halten. Zehn Prozent sind hier ein Rechenbeispiel, keine Messung.

Warum hilft das Großraumbüro dem Austausch oft nicht?

Das Großraumbüro wurde vielfach als Ort des Austauschs verkauft. In der Praxis schützen sich Menschen mit Schutzwänden und Noise-Cancelling-Kopfhörern. In kleinteiligen Büros können Telefonate sogar invasiver wirken, weil die Sprachverständlichkeit im Raum so gut ist, dass man jedes Wort versteht. Hinzu kommen visuelle Unruhe und die fehlende Kontrolle über die Reize.

Beim Thema Kontrolle liegt ein großer Hebel für den Erfolg von Büroprojekten: Selbstbestimmung. Sie hat zwei Seiten: Beteiligung der Mitarbeitenden im Prozess und in der Gestaltung, und individuelle Steuerungsmöglichkeiten im Alltag. Wann bin ich erreichbar? Kann ich Fenster öffnen, Licht und Luft steuern und frei wählen, wo ich gerade am besten arbeiten kann? Mehr dazu in der Folge »Büroplanung als Kulturprojekt«.

Braucht ein Büro Farbe und Sinnesreize?

Meine Position: Ja. Weiße Wände und lichtgraue Teppiche sind keine neutrale Bühne, die von Menschen belebt wird, sie wirken eher wie eine Leere. Das Gehirn braucht Kontraste, Farben und multisensorische Reize wie Düfte oder Texturen, um stabil und leistungsfähig zu bleiben. Das ist eine Haltung, keine Messung: Eine Studie, die zeigt, dass weiße Büros die Leistung messbar senken, habe ich nicht gefunden. Das Extrem kennt man aus der Forschung zur sensorischen Deprivation, etwa den Experimenten von Donald Hebb an der McGill-Universität in den 1950er Jahren. Freiwillige mit Brille, Handschuhen und Ohrenschützern erlebten dort Halluzinationen. Mit einem weißen Büro hat das wenig zu tun. Es zeigt nur, wie stark das Gehirn auf Reizmangel reagiert.

Was folgt daraus für die Planung?

Mitarbeiterzentrierung klingt nach Benefits, dabei profitiert zunächst der Arbeitgeber: Nur wer sich konzentrieren kann, arbeitet produktiv. Das hat Folgen für die Planung. Gebraucht wird ein Ökosystem statt endloser Schreibtischreihen, mit Raum für Austausch und Raum zum Schutz vor Reizen. Gerade im KI-Zeitalter muss das Büro Austausch physisch ermöglichen, denn Fortschritte, Probleme und neue Techniken der Kollegen müssen mitbekommen werden.

Das verlangt, Büros weniger für das Auge des Fotografen zu planen und stärker für das Gehirn der Nutzer. Wie sich Wohlbefinden und Wirksamkeit eines Büros vor und nach dem Umbau messen lassen, zeigen wir mit den Workspace Performance Insights (wpi): So arbeiten wir mit dem wpi

Wohlfühlen ist kein weiches Add-on, sondern Grundvoraussetzung für Leistung. Das gilt auch für die Frage, wer ein Büro plant. Welche Verantwortung Planer dafür tragen, habe ich in der Folge »Architektur ist Führung« beschrieben.

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