
Zwei Zahlen, ein Dilemma
Können Architekturbüros voll remote arbeiten? Nach meiner Erfahrung: nein, nicht gut. Bei der Materialauswahl im Team ist mein eigener Selbstversuch gescheitert. Dauerpräsenz im Büro ist aber ebenso wenig die Antwort. Entscheidend ist, für jede Tätigkeit den Kommunikationskanal zu wählen, der zu ihr passt.
Dieser Beitrag fasst meine Kolumne im md Magazin (Ausgabe Juli/August 2025, Seite 8) zusammen und ordnet sie ein. Den vollständigen Text lesen Sie bei md: Kolumne bei md lesen

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Warum ist der Mittelweg zwischen Remote und Büro keine Lösung?
Wer sich beim Urlaub zwischen Schweden und Südfrankreich auf die Mitte einigt, landet in Wanne-Eickel. Und keiner ist glücklich. Mit Arbeitsmodellen ist es nicht anders: Ein Kompromiss, der beiden Seiten gleich viel nimmt, ist kein Konzept. Besser ist es, das Beste aus beiden Welten zu kombinieren, also Präsenz dort, wo sie etwas bewirkt, und Freiheit dort, wo sie nichts kostet. In der Innenarchitektur geht das ebenso wie in anderen Branchen. »Bei uns ist das anders« ist ein Einwand, den ich oft höre. Er trägt selten.
Welche zwei Zahlen stehen im Widerspruch?
Auf der einen Seite stehen Büros, die wirken. Unsere wpi-Erhebungen zeigen, dass gute und tatsächlich genutzte Büros Innovationskraft, Mitarbeiterbindung und Teamgefühl positiv beeinflussen.
Auf der anderen Seite steht der Wille zur Freiheit. In einer von Continental beauftragten YouGov-Umfrage unter mehr als 2.000 Büroangestellten in Deutschland (2024) gaben 47 Prozent an, sie würden kündigen, wenn ihr Arbeitgeber Homeoffice und mobiles Arbeiten abschafft oder stark einschränkt.
Beides stimmt gleichzeitig. Wer Menschen ins Büro zwingt, riskiert, dass sie gehen. Wer sie allein zu Hause lässt, verschenkt, was ein Raum leisten kann. Wir brauchen kein weiteres Schlagwort, wir brauchen Orientierung.
Wie wählt man den richtigen Kommunikationskanal?
Die Media-Richness-Theorie von Richard Daft und Robert Lengel (1986) beschreibt, welches Medium sich für welche Inhalte eignet: Je emotionaler ein Thema und je unklarer die Lage, desto reicher muss der Kanal sein. Für nüchterne Fakten und Abstimmungen genügen eine Teams-Nachricht oder ein Anruf. Bei Mehrdeutigkeit und Emotionen reicht die Videokonferenz oft nicht mehr, dann lohnt sich das Treffen vor Ort. Die Theorie ist in der Forschung umstritten und erklärt reale Mediennutzung nur teilweise. Als Denkmodell für den Büroalltag taugt sie trotzdem.
Je emotionaler das Thema, desto synchroner der Kanal.
Der erste Schritt ist wie in jedem Change-Projekt, die Dringlichkeit zu erklären. Wer versteht, warum Präsenz nötig ist, kommt leichter, als jemand, der »aus Prinzip« erscheinen muss.
Wann braucht ein Planungsbüro wirklich das Büro?
Niemand muss für das konzentrierte Prüfen einer Türliste das Homeoffice verlassen. Dort, wo Stofflichkeit, Emotion oder komplexe Ideen gefragt sind, von der Materialwahl bis zur Co-Creation, liefert der Raum den Rahmen für gute Ergebnisse. Das Büro bleibt wichtig, aber als Bühne, nicht als Pflichtparkplatz.
Meine These dazu: Wer Ort, Zeit oder Methode selbst wählen kann, erlebt mehr Autonomie. Das verringert das Gefühl, fremdgesteuert zu sein, und hilft im Umgang mit stressigen Situationen.
Woran scheitert hybrides Arbeiten in Planungsbüros häufig?
An Lippenbekenntnissen. Mobiles Arbeiten wird offiziell erlaubt und zugleich ausgebremst: »Wer was mitbekommen will, soll halt ins Büro kommen«, diesen Satz habe ich so gehört. Das erzeugt Unsicherheit und schlechte Stimmung.
Ein zweiter Klassiker: Mobiles Arbeiten ist erlaubt, aber nicht jeder bekommt einen Laptop. Nach meiner Einschätzung lässt sich dank leistungsstarker Cloud-Lösungen heute selbst die Arbeit an BIM- und CAD-Modellen auf kleineren Geräten erledigen.
Der dritte Baustein ist eine funktionierende asynchrone Kommunikationsstruktur. Die E-Mail spielt darin nur eine Nebenrolle. Wie sie aufgebaut wird, behandle ich in einer der kommenden Kolumnen.
Wie finde ich für mein Team den passenden Kanal?
Ein Selbsttest, der eine Woche dauert:
- Notieren Sie mit Ihrem Team in der kommenden Woche alle Tätigkeiten und Aufgaben.
- Bewerten Sie jede Tätigkeit von 1 (reine Information) bis 10 (komplex, emotional, stofflich): Wie wichtig ist es, dafür synchron zusammenzukommen?
- Ordnen Sie Kanäle zu: Stufe 1 bis 3 Teams-Nachricht, Stufe 4 bis 7 Telefon oder Videocall, ab Stufe 8 gemeinsame Präsenz.
- Setzen Sie das in der Woche darauf um. Haben Sie Meeting-Zeit gespart? Konnten Sie flexibler antworten, weil es gerade passte?
Ein Beispiel für die Bewertung: Die Türliste prüfen bekommt eine 2, denn sie braucht Ruhe und keine Runde. Die Materialauswahl im Team bekommt eine 9, denn sie braucht Haptik und gemeinsame Entscheidung.
Wie lässt sich das für das eigene Büro messen?
Der Selbsttest ist ein Anfang und beruht auf Einschätzungen. Welche Tätigkeiten in Ihrem Büro tatsächlich Präsenz brauchen und was der Raum dafür leisten muss, lässt sich messen statt schätzen. Dafür haben wir die Workspace Performance Insights (wpi) entwickelt: So arbeiten wir mit dem wpi
Wanne-Eickel ist ein netter Ort. Für den Jahresurlaub nicht, und für die Arbeitswoche auch nicht.
