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Titelgrafik der md-Kolumne »wow – ways of working« von Martina Rahmfeld

Geschrieben von

Martina Rahmfeld

Zuletzt aktualisiert

October 3, 2026

Lesezeit

Wenige Minuten

Generationen-Clash im Raum

Ist der Wunsch nach einem Einzelbüro eine Frage des Jahrgangs? Kein bisschen. Was hinter dem »Aber« steckt, wenn es angeblich nicht um Status geht, und wie Räume Unterschiedlichkeit aushalten.

Ist der Wunsch nach einem Einzelbüro eine Generationenfrage? Nein. Hinter dem Wunsch nach Rückzug, festem Platz und Sichtbarkeit stehen Tätigkeit, Lebensphase und Bedeutung, nicht der Jahrgang. Gute Planung fragt deshalb, welche Menschen wie arbeiten, und vergibt geschlossene Räume nach Funktion statt nach Rang.

Dieser Beitrag fasst meine Kolumne im md Magazin (Ausgabe September/Oktober 2026, Seiten 16 und 17) zusammen und ordnet sie ein. Den vollständigen Text lesen Sie bei md: Kolumne bei md lesen

Die Kolumne im Heft: md 10/2026 (September/Oktober), Seite 16
Kolumne als PDF herunterladen (md 10/2026)

Was hat ein Einzelbüro mit einer Scheidung gemeinsam?

Mehr, als man denkt. Familienrechtler kennen den Satz »Es geht mir nicht ums Geld« auswendig. Danach kommt das Wort »Aber«: aber das Haus, aber der Wagen, aber die Sammlung im Keller. Wer beteuert, es gehe nicht ums Geld, meint meist etwas, das daran hängt: Anerkennung, Sicherheit, das Gefühl, im Recht zu sein.

Genau diesen Satz höre ich in Büroprojekten ständig. Nur heißt das Haus dann »Einzelbüro«. Zuerst heißt es, es gehe selbstverständlich nicht um Status, sondern um Konzentration, Verantwortung und Vertraulichkeit. Drei Sätze später wird präzise erklärt, warum bestimmte Funktionen weiterhin ein eigenes Zimmer brauchen, während andere die Vorteile flexibler Plätze schätzen lernen sollen. Diese Momente sind nicht peinlich, sie sind wertvoll, denn sie zeigen, worüber Planer wirklich sprechen müssen: nicht über Möblierung, sondern über Bedeutung.

Taugt das Generationen-Klischee als Planungsgrundlage?

Nein. Wenn über Generationen im Büro gesprochen wird, gehen schnell die Schubladen auf. Die Boomer verteidigen ihr hart erarbeitetes Einzelbüro, die Gen Z zieht mit MacBook und Matcha Latte durch die Fläche, und dazwischen sitzt eine erschöpfte Generation, die schon zu viele »New Work«-Versprechen überlebt hat. Das klingt griffig, ist als Planungsgrundlage aber ungefähr so belastbar wie ein Grundriss auf einer Serviette.

Meine Beobachtung aus Projekten ist eine andere. Ich habe viele erfahrene Kollegen erlebt, die aufblühten, als die Wände fielen. Und im Gespräch mit jungen Mitarbeitenden zeigt sich, dass ihnen die Lounge nicht als Wohlfühlort dient, sondern als Ort für Sichtbarkeit und Zugehörigkeit. Sie fürchten den Verlust ihres festen Platzes genauso wie Kollegen, die Jahrzehnte älter sind. Wer jeden Morgen einen neuen Schreibtisch sucht, fragt sich schnell, ob er überhaupt dazugehört und wahrgenommen wird.

Was brauchen Menschen im Büro wirklich?

Das hängt weniger vom Alter ab als von der Situation. Manche suchen Austausch, weil sie lernen und dazugehören wollen. Andere brauchen Rückzug, weil ihre Arbeit komplex ist. Wieder andere sehnen sich nach Planbarkeit, weil ihr Tag nicht am Büroeingang beginnt, sondern mit Kita, Pflege oder einer Pendelstrecke, die sich nicht verschieben lässt. Manches davon hat mit dem Alter zu tun, aber nicht des Alters wegen, sondern wegen Lebensphase, Gesundheit, Tätigkeit und Persönlichkeit.

Ein gutes Mehrgenerationenbüro fragt deshalb nicht, was die Gen Z will oder was die Boomer wollen. Es fragt: Welche Menschen arbeiten hier, wie arbeiten sie, und was brauchen sie, um gut zu arbeiten? Dabei zeigt sich meist, dass die Gemeinsamkeiten größer sind als die Klischees. Gute Akustik ist keine Generationenfrage, gutes Licht auch nicht, und Besprechungsräume, die funktionieren, sind für alle ein Geschenk. Wie sich diese Bedarfe ermitteln lassen, habe ich in der Folge »Büroplanung als Kulturprojekt« beschrieben.

Warum verliert das Eckbüro an Bedeutung, und was tritt an seine Stelle?

Für viele ist die Tür ein Symbol: Ich habe es geschafft. Wer über Jahrzehnte gelernt hat, dass das eigene Büro Ausdruck von Leistung und Anerkennung ist, gibt diesen Raum nicht mit einem gut gelaunten »Desksharing first!« wieder her. Dieses Symbol verliert aber an Kraft. Nach Auswertungen des Immobiliendienstleisters CBRE sank der Flächenanteil privater Büros von 16 Prozent im Jahr 2021 auf 4 Prozent im Jahr 2024.

Verschwunden ist der Status damit nicht, er hat die Währung gewechselt. Wo früher die Quadratmeter zählten, zählt heute, an welchen Projekten jemand arbeitet, welchen Einfluss er hat und vor allem, wie frei er entscheiden darf, wann und wo er arbeitet. Nimmt man dem Status die Tür, nimmt er den Kalender. Zeitsouveränität ist das neue Eckbüro. Wer glaubt, mit dem Abschaffen der Einzelbüros sei die Statusfrage gelöst, hat sie nur unsichtbarer gemacht.

Wie plant man Büros für unterschiedliche Menschen?

Man darf nicht so tun, als gäbe es den einen Normalmenschen: in Vollzeit verfügbar, mittelalt, gesund, extrovertiert, lärmtolerant und jederzeit bereit für spontane Kollaboration. Diese Person ist praktisch, aber selten, und vielleicht hat es sie nie gegeben.

Stattdessen braucht es Räume, die Unterschiedlichkeit aushalten, nicht als Sammlung von Sonderlösungen, sondern als kluge Infrastruktur:

  • Fokusbereiche, die wirklich schützen.
  • Begegnungsorte, die nicht nur hübsch aussehen, sondern genutzt werden.
  • Geschlossene Räume, die nach Funktion vergeben werden und nicht nach Rang.

Das ist weniger spektakulär als die große Geste vom »Büro der Zukunft«, aber wahrscheinlich wirksamer. Zurück zur Anwältin: Ihre eigentliche Arbeit besteht nicht darin, das Haus zuzusprechen oder wegzunehmen. Sie besteht darin, herauszufinden, was hinter dem »Aber« steckt, und dafür eine faire Lösung zu finden. Das ist auch die Aufgabe generationengerechter Innenarchitektur: den Konflikt zwischen Einzelbüro-Boomer und Nomaden-Gen-Z nicht zu inszenieren, sondern zu übersetzen, in Räume, die erklären, warum es Rückzug gibt, in nachvollziehbare Regeln und in Flächen, die nicht Privilegien verteilen, sondern Arbeit unterstützen.

Wie wir erfassen, welche Menschen in einem Büro arbeiten und was sie brauchen, zeigen wir mit den Workspace Performance Insights (wpi): So arbeiten wir mit dem wpi

Das Mehrgenerationenbüro ist am Ende kein Büro für Generationen. Es ist ein Büro für Menschen in unterschiedlichen Lebensphasen, die unterschiedlich geprägt sind und unterschiedlich arbeiten. Alles andere wäre nur ein sehr schön eingerichtetes Vorurteil.

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